Mazeltov, Rachel´e – Musikalische Farce von Christian von Götz

Vom Urvater des jiddischen Theaters bis zum Yiddish Broadway: eine freche Feier des Lebens!

Die Oper Köln erinnert in ihrer musikalischen Farce "Mazeltov, Rachel’e" mit Witz und Gefühl an den Vater des jiddischen Theaters Abraham Goldfaden.

 

Die Oper Köln erinnert in ihrer musikalischen Farce Mazeltov, Rachel’e mit Witz und Gefühl an den Vater des jiddischen Theaters Abraham Goldfaden und setzt sich mit Fragen der kulturellen Tradition auseinander.

„In einem Garten auf der Uliţa Mare wurde ein kleines Sommertheater eröffnet“, hieß es am 22. August 1876 im Jassyer Kurier. Der Auftritt der Schauspieler sei exzellent, und das Publikum genieße die jiddischen Arien. Auch habe der Direktor eine sympathische Stimme und ein angenehmes Äußeres. Dieser Direktor hieß Abraham Goldfaden. Heute kennt man ihn vor allem als Schöpfer des Liedes Rosinkess mit Mandlen, das zum Inbegriff des jiddischen Volksliedes wurde. Sein Schaffen hatte jedoch viele Facetten. Er versuchte sich zunächst in Lemberg und Czernowitz als Zeitungsherausgeber, als ihn sein Zeitungsvertreter Isaac Librescu einlud, nach Jassy zu kommen, weil in der Stadt keine Zeitungssteuer erhoben wurde. Jassy war im 19. Jahrhundert ein kulturelles Zentrum Rumäniens. Bereits 1816 gab es die ersten Theateraufführungen, und 1846 wurde das erste Nationaltheater gegründet. Was allerdings fehlte, so legte Librescus Frau es Goldfaden ans Herz, sei ein jiddisches Theater. Goldfaden griff die Idee auf. Er stellte eine Truppe zusammen, schrieb Stücke und engagierte Musiker. Mit der ersten Spielzeit 1876 wurde er zum Begründer des jiddischen Theaters.

In ihrer „so gefühlsbetonten wie frechen Feier des Lebens“ lässt die Oper Köln Goldfaden wieder lebendig werden. Matthias Hoffmann verkörpert den Impresario, Komponisten und „wundersamen Zauberer“, als den ihn seine Zeitgenossen bewunderten. Der Autor und Regisseur Christian von Götz lenkt mit der musikalischen Szenenfolge Mazeltov, Rachel’e den Blick auf jenen geografischen Raum, in dem Jiddisch einst als europäische Kultursprache von elf Millionen Menschen gesprochen wurde. Kreuz und quer bewegt er sich bei seiner musikalischen Schatzsuche über den Kontinent.

Kreuz und quer durch die packende jüdische Tradition

So erinnert er etwa an den Komponisten Reuben Doctor aus Bessarabien, der als Darsteller in einer Londoner Aufführung von Goldfadens Die Zauberin begann, an David Meyerwitz aus Litauen, der ebenfalls als Interpret von Liedern aus Goldfadens Operetten hervortrat, ehe er ab 1890 in New York mit seinen Werken das Goldene Zeitalter des „Yiddish Broadway“ an der Second Avenue einleitete, oder an den Tenor Solomon Smulewitz aus Weißruthenien, der für das jiddische Theater komponierte. Auch einen Abstecher nach Frankreich unternimmt er etwa zu Reynaldo Hahn, der mit seinen Operetten populär wurde und über den Marcel Proust, mit dem er eine leidenschaftliche Affäre hatte, schrieb, er setze intuitiv in Musik um, was er betrachte.

Im Mittelpunkt der Spielhandlung steht die in Köln-Mülheim ansässige Sängerin Lea, dargestellt von Dalia Schaechter. In der Nacht des Pessach-Festes erscheinen ihr die Geister ihrer weiblichen Ahnen wie ihrer Ururoma Rachele und weiterer Persönlichkeiten des jüdischen Lebens. Ebenfalls zur Handlung gehören der Geiger Leyser Janowskij, der von John Heuzenroeder gespielt wird, und Israel Teitelbaum, der Schächter der jüdischen Gemeinde Mülheim, dargestellt von Stefan Hadžić.

Nicht fehlen im Kreis der Erinnerten dürfen die Komponisten der Wiener Operette wie Leo Fall aus Mähren, Michael Krasznay-Krausz aus dem ungarischen Pancsova und Wilhelm Grosz aus Wien, der jazzige Operetten und Lieder komponierte, ehe er 1939, dem Jahr seiner Emigration in die USA, starb. Mit dem Thema Emigration waren die meisten dieser Komponisten konfrontiert. Alexander Olshanetsky aus Odessa wurde 1922 zu einer wichtigen Figur der jiddischen Theaterszene in New York. Und Ilia Trilling, der in Kiew das jiddische Theater geleitet hatte, wurde Hauskomponist des jiddischen Hopkinson Theatres in Brooklyn. Mit all den Komponisten, die infolge der russischen Pogrome nach der Ermordung Zar Alexanders II. 1881 oder zur Zeit des Nationalsozialismus in die USA emigrierten und dort versuchten, eine jiddische Theaterszene aufzubauen, wirft von Götz in seiner musikalischen Geisterstunde auch Fragen der kulturellen Tradition, des Herkommens und des Sich-Neu-Verortens auf.

Es spielt das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Rainer Mühlbach.

Bildunterschrift: Porträt Dalia SchaechterFoto: Oper Köln, Foto: Teresa Rothwangl
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